Theodor W. Adorno
Hrsg. von Eberhard Ortland im Rahmen der Nachgelassenen Schriften von Theodor W. Adorno, hrsg. vom Theodor W. Adorno Archiv, Abteilung IV: Vorlesungen, Band 3
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-58535-1, 523 S., Leinen gebunden mit Schutzumschlag, Format 20,5 x 12,5 cm, € 43,80
Theodor W. Adorno hat sich nach seiner Rückkehr aus Amerika in sechs Vorlesungen zwischen 1950 und 1968 mit der Ästhetik beschäftigt. Die Vorlesungen spielten bei der Entstehung seines Hautwerks, der Ästhetik, die entscheidende Rolle. Von der vierten Vorlesung aus den Jahren 1958/59 liegt als erster ein nach Tonbandaufnahmen erstelltes vollständiges Typoskript von 246 S. vor, außerdem handschriftliche Stichworte und Gliederungsübersichten. Sowohl das Typoskript als auch die Abschrift der handschriftlichen Notizen sind im vorliegenden Band aufgenommen. Die dokumentierte Einheit von Forschung und Lehre stimmt nachdenklich. Die Vorlesung ist für Adorno zum Laboratorium geworden, „in dem er seine Gedanken allererst entwickelt oder in dem sie jedenfalls - aus der Notwendigkeit, sich verständlich zu machen - zu einer Ordnung und Plastizität gebracht werden können, die der Komplexität der darin verwobenen Sachfragen erst abgetrotzt werden musste" (Eberhard Ortland). Schon in der ersten Vorlesung am 11.11.1958 fällt auf, dass Adorno Hegels Definition des Schönen als ‚das sinnliche Scheinen der Idee' und Hegels Ästhetik insgesamt weit höher schätzt als Kant. In der Beurteilung des Naturschönen steht er allerdings näher bei Kant. In der neunten Vorlesung vom 16.12.1958 und in der zehnten Vorlesung vom 18.12.1958 setzt er sich intensiv mit der klassischen platonischen Vorstellung von Schönheit auseinander, definiert sie als Wirkungsästhetik, rechnet sie dem Bereich des ästhetischen Subjektivismus zu und hält die Kritik eben desselben für eine Neuformulierung der Ästhetik für das „schlechterdings Entscheidende" (Theodor W. Adorno). „Was ich Ihnen eben gesagt habe, und was zunächst wie eine recht philologische Betrachtung klingt - nämlich dass bei Platon einerseits das Schöne nur aus seiner Wirkung erklärt werden soll, andererseits aber das Schöne nichts anderes sein soll als die Nachahmung der Idee der Schönheit, und das ist das, was Sie dann hören werden -, dieses scheinbar bloß Exegetische zu der Platon-Stelle hat, wenn ich mich nicht täusche, allerdings für die Begründung einer Ästhetik überhaupt die denkbar zentralste Bedeutung. Es besagt nämlich, dass wir weder unmittelbar objektivistisch, also ohne die Reflexion auf den Geist, ohne die Reflexion auf den Menschen und seine Stellung zur Objektivität, eine Begründung der Idee des Schönen oder eine Begründung der Idee der Kunst überhaupt geben können, [noch] auf der anderen Seite diese Idee der Kunst oder diese Idee des Schönen sich erschöpft in dem Wirkungszusammenhang, den sie auf uns ausübt, sondern dass sie wesentlich ein Objektives ist und ein objektives Moment hat. Mit anderen Worten: Wenn ich schon an dieser Stelle die Polarität formulieren darf, auf die man hier bei Platon stößt,... dann muss man wohl sagen, dass die Konzeption des Schönen selbst ... eine dialektische Konzeption des Schönen ist. Das heißt, dass das Schöne selbst seinem eigenen Wesen nach sich darstellt als ein in sich Vermitteltes, als in sich selber so etwas wie ein Spannungsverhältnis zwischen subjektiven und objektiven Momenten" (Theodor W. Adorno). Eberhard Ortland macht schließlich zu Recht darauf aufmerksam, dass Adornos „Ausführungen ... zur Theorie der ästhetischen Erfahrung ... in den letzten 30 Jahren an Aktualität eher noch gewonnen haben ..." (Eberhard Ortland). In der zwölften Vorlesung am 08.01.1959 schlägt Adorno vor, die Augenblicke des Durchbruchs zur eigentlichen künstlerischen Erfahrung als transzendente Erfahrung zu begreifen: „Unter Durchbruch verstehe ich dabei, dass es dann Augenblicke gibt - es können zufällige Augenblicke sein, es können aber auch die höchsten und intensivsten Augenblicke eines Kunstwerks sein -, in denen jenes Gefühl des Herausgehobenseins, jenes Gefühl, wenn Sie wollen, der Transzendenz gegenüber dem bloßen Dasein, sich intensiv zusammendrängt, sich aktualisiert und in denen es uns so vorkommt, als ob das absolut Vermittelte, nämlich eben jene Idee des Befreitseins, doch ein Unmittelbares wäre, wo wir glauben, sie unmittelbar greifen zu können. Diese Augenblicke sind die höchsten wohl und die entscheidenden, denen die künstlerische Erfahrung überhaupt mächtig ist; und es ist wohl denkbar, dass von ihnen eigentlich die Vorstellung, dass Kunstwerke sich genießen ließen, abgezogen ist, weil diese Augenblicke ja wirklich eine Art von Beglückung mit sich führen, die wohl, was es sonst an Glück gibt - ich will nicht sagen: in den Schatten stellen, aber jedenfalls doch dem obersten, was es sonst an Glücksaugenblicken gibt, durchaus gewachsen sind, die dieselbe Gewalt haben, wie die höchsten realen Augenblicke, die wir kennen" (Theodor W. Adorno).