Festschrift für Josef Meyer zu Schlochtern
Paderborner Theologische Studien
Hrsg. von Herbert Haslinger, Josef Meyer zu Schlochtern, Maria Neubrand, Band 51
Ferdinand Schöningh, Paderborn. München. Wien. Zürich., 2010, ISBN 978-3-506-77013-4, 359 S., Broschur, Format 23,3 x 15,4 cm, € 48,--
Der in Paderborn Fundamentaltheologie lehrende Josef Meyer zu Schlochtern gehört zu der Handvoll praktischer akademischer Theologen, die sich in den letzten 20, 30 Jahren mit Ausstellungen von autonomer Gegenwartskunst hervorgetan haben. Seine 2007 unter dem Titel ‚Interventionen. Autonome Gegenwartskunst in sakralen Räumen' vorgelegte Dokumentation wurde in einer früheren Artheon-Nummer vorgestellt. Die jetzt zu seinem 60. Geburtstag vorgelegte Festschrift fasst 21 Beiträge für den Jubilar unter dem Stichwort „Wahrnehmungen" zusammen. Mit diesem Stichwort „wollen die Herausgeber auf die vielfältigen Perspektiven verweisen, unter denen Gewahrwerden und Reflexion stattfinden. ‚Wahrnehmungen' beziehen sich auf das offensichtlich Sichtbare und das scheinbar Unsichtbare, auf das begrifflich Fassbare und das existentiell Erfahrbare. ‚Wahrnehmungen' geschehen in den Räumen der Gegenwart, sie geschehen in Theologie, Kirche und Kunst" (Michael Bredeck, Maria Neubrand NC, Jochen Hermann Vennebusch). Unter den Beiträgen setzt sich Magnus Striet mit der produktiven Differenz von moderner Kunst und negativer Theologie auseinander. „Es ist vor allem die ‚Grenze des Darstellbaren', in der Meyer zu Schlochtern die Strukturähnlichkeit zwischen christlicher Theologie und der Kunst der Moderne erkennt. Während... ‚die Transzendenz Gottes sich letztlich allem Wissen entzieht und in einer Weise angesagt werden muss, die seine Unsagbarkeit nicht leugnet', beschäftige sich die moderne Kunst mit dieser Grenze des Nicht-Darstellbaren in ihrer Suche nach einer Formsprache, die immer auch die ‚Vorläufigkeit jeder Formfindung, jedes Werkes' mitsetzt. In der Markierung von Transzendenz begegnen sich damit Theologie und die ästhetische Formsprache der Moderne" (Magnus Striet mit Zitaten von Josef Meyer zu Schlochtern). Rita Burrichter fragt, was lernt, wer eine Kunstausstellung besucht. Nach ihrer Auffassung lernt er etwas kennen. Darüber werden Ausstellungserfahrungen zu ‚Bildungsbewegungen'. Burrichter erinnert an die doppelte Herkunft der Ausstellungen aus der kommerziellen und der kultisch-repräsentativen Schaustellung. „In beiden Bereichen vollzieht sich in der Spannung von ‚Schauen', ‚Begehren' und ‚Genießen' immer auch das lernpsychologische Muster von ‚Assimilation', verstanden als Einordnung einer Wahrnehmung in verfügbare kognitive Schemata, und von ‚Akkomodation', verstanden als Anpassung der eigenen Kognitionsstruktur an die Herausforderungen durch Wahrnehmungen der Außenwelt" (Rita Burrichter). Für Burrichter greifen im Kontext von Kirche die ‚site-specific Art' und die Kunstausstellung am kunstfremden Ort, die Beziehung von Ort und Kunstwerk und die damit verbundenen Auseinandersetzungen um Status und Funktion des Kunstwerks systematisch auf. „Der Kirchenraum als solcher ist überdeterminiert. Die Aspekte seiner religionsgeschichtlichen und kirchengeschichtlichen Entwicklung, seiner fundamental-anthropologischen und kulturellen Bedeutung, seiner architektonischen, städtebaulichen und funktionalen Besonderheiten überlagern sich geradezu zwangsläufig im deutenden Begreifen... Da Bildungsprozesse ihren Ausgang im Zueinander der ‚Reibung' von ‚Sache' und ‚Person' haben, ..... ist im Blick auf den Kirchenraum und insbesondere im Blick auf ausstellungsspezifische Bildungsbewegungen im Kirchenraum eine Vergewisserung zu Fragen des Raumes vonnöten ... In den Blick gerät dadurch die Potenzialität des Raums und seine aktive und aktivierende Aneignung in der Erfahrung der ‚Selbstgegenwart des Leibsubjekts', in den Blick gerät aber auch seine Nicht-Beliebigkeit im Horizont theologiegeschichtlicher Entwicklung. In diese Spannung hinein vollziehen sich im Kontext von Kunstausstellungen im Sakralraum Begegnungen mit Werk und Raum gleichermaßen, die die Betrachterinnen und Betrachter auch in eben dieser doppelten Weise herausfordern und aktivieren: durch das Werk, durch den Raum. Die Ausstellung als solche wird damit zu einem ‚Ort', der ... die Örtlichkeit ... bedeutungsvoll übersteigt, indem die hier gemachte Erfahrung als Ortserfahrung ... dem lebensgeschichtlichen Ortsgedächtnis einverleibt wird. ... Der Raum ist ... einer, in den eingegriffen wurde. Das lässt ihn für die Betrachterinnen und Betrachter der Kunstausstellung auch im Nachhinein nicht unverändert - dergestalt vollzieht sich Bildung" (Rita Burrichter). Weitere Aufsätze beschäftigen sich mit komparativer Theologie und Kunst (Klaus von Stosch), mit sich selbst erzeugenden Bildern und dem Bilderverbot (Dorothee von Windheim) und mit Gregor Schneiders 2008 realisierter, von außen begehbarer schwarzer Eingangsskulptur ‚END' für das Museum Abteiberg (Friedhelm Mennekes).
(ham)